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Soll ich meinen Job kündigen und meiner Leidenschaft folgen? Vor nicht mal einem Jahr hat diese Frage Victoria den Schlaf geraubt. Hin- und hergerissen zwischen  dem Tanzen und ihrem gutbezahlten Job im Gesundheitswesen, suchte sie Antworten. Wie sie diese gefunden hat und sich von ihren Ängsten befreit hat, erzählt sie in diesem Interview.

Victoria, wie war deine berufliche Situation Ende letzten Jahres?
Ich war in meinem neuen Job unglücklich und habe mich gefragt, ob ich die falsche Entscheidung getroffen habe. Erst vor einem Jahr hatte ich den Job gewechselt und habe dafür ebenfalls einen Umzug in eine andere Stadt in Kauf genommen. Der Wechsel hat leider nicht die Herausforderung und Freude gebracht, die ich mir erhofft hatte. 
Ich wusste nicht wie ich mich verhalten sollte.

Ich hatte zudem eine größere Reise geplant und auch schon lange  den Traum meine Leidenschaft für das Tanzen stärker auszuleben und dafür an einem  Trainingsprogramm teilzunehmen. Das ließ sich aber nicht mit meinem Job vereinbaren.

Welche Lösung hattest du für dich gesehen?
Ich habe überlegt den Job in der Probezeit zu kündigen und Anfang des Jahres zu Reisen und im Anschluss das Tanz Programm zu machen.

Was hat es schwer für dich gemacht dich zu entscheiden?
Ich war mir nicht sicher, ob das Tanzen wirklich der richtige Weg ist. Und ich hatte natürlich Angst meinen sicheren Job und  die Karrieremöglichkeiten hinter mir zu lassen  und ohne Aussicht auf ein festes Gehalt dazustehen. Und dann wäre da plötzlich eine Lücke im Lebenslauf – unvorstellbar für mich!

Wie ist deine berufliche Situation heute?
Ich habe ein Tanzprogramm in Teilzeit abgeschlossen und meinen Job erst danach gekündigt. Ich werde zurück nach Berlin ziehen und mich voll und ganz dem Tanzen widmen. Gleichzeitig werde ich  nach einer Stelle suchen,  bei der ich  auch mit reduzierten Stunden meinen Aufgaben nachgehen kann und somit Job und Tanzen besser vereinbaren kann.
Es geht mir gut mit der Entscheidung. Es fühlt sich manchmal noch „falsch“ an, aber das auch nur wenn ich mich zu sehr davon leiten lasse, was andere denken könnten. Wenn ich tief in mich hineinhorche, fühlt es sich sehr richtig an.

Wie hast du das geschafft?
Ich habe damals an deinen Workshop „Kündigen oder bleiben“ teilgenommen und wir konnten 1:1 miteinander über meine Situation sprechen. Dadurch habe ich mehr Klarheit bekommen.

Wie sich gezeigt hat, habe ich mir selbst Druck gemacht eine Entscheidung noch innerhalb der Probezeit treffen zu müssen. Das war nicht hilfreich.
Außerdem musste ich noch ein paar Fragen  für mich klären. Zum Beispiel, ob ich das Tanzen auch anders in meinen Job-Alltag  integrieren kann. Und welche Möglichkeiten es in meinem Job gibt, ihn entsprechend meiner Vorstellungen zu gestalten damit ich zufriedener bin.
Ich habe es geschafft eine andere Perspektive einzunehmen und mir selbst mehr Optionen einzuräumen  als lediglich „kündigen oder bleiben?“

Wie bist du genau vorgegangen?
Ich bin von dem Gedanken abgerückt noch in der Probezeit eine Entscheidung treffen zu müssen. Ich habe für Anfang des Jahres Urlaub eingereicht und bin gereist – zumindest im Rahmen meines Urlaubs. Damit konnte ich mir schon mal einen Teil meines Traums erfüllen. Und ich habe durch den Abstand neuen Mut gewonnen.

Mit dem neuen Schwung habe ich mich für ein Tanzprogramm in Teilzeit beworben. Allerdings sollte das Tanzprogramm 600km entfernt stattfinden. Wie ich das Ganze  mit der Arbeit hinbekommen sollte, war mir zum Zeitpunkt der Aufnahmeprüfung auch nicht bewusst. Aber ich habe es einfach mal gemacht und wurde genommen!

Ich habe dann den offenen Dialog mit meinem Arbeitgeber gesucht und meine Situation geschildert. Anscheinend wollten sie mich unbedingt behalten, weshalb wir dann die Lösung gefunden haben, dass ich  auf 3 Tage die Woche reduziere, 1 Tag im Homeoffice arbeite und für 2 Tage ins Büro komme. 
Das war für mich die perfekte Lösung, um herauszufinden, was ich möchte. Tanzen oder Büro oder doch irgendwie beides. Und durch die Teilzeit konnte ich meinen Traum vom Tanzen immerhin in einem sicheren Rahmen testen ohne mich auf die Arbeitslosigkeit einlassen zu müssen.

Auch wenn es sehr anstrengend  war einen Teil der Woche  zu tanzen, dann zu meiner Arbeitsstätte  zu fliegen, dort 2 Tage  zu arbeiten und dann wieder zurückzufliegen. Aber das Tanzen hat mir so viel Energie gegeben, dass ich sogar um 04 Uhr aufstehen konnte, um den ersten Flieger zu erwischen.

Und beruflich hatte sich auch eine Veränderung ergeben: Ich wurde in die Stelle befördert, die mir schon lange in Aussicht gestellt  wurde, aber erst neugeschaffen werden musste. Insofern hoffte ich, auch wieder mehr Spaß an der Arbeit zu haben und ausgelasteter zu sein.

Wie lange hat diese Phase gedauert?
Ca. 6 Monate

Was hast du in dieser Zeit gelernt?
Ich habe gelernt manche Dinge einfach zu machen ohne den Output vorher schon zu antizipieren. Das ist ein großer Fortschritt für mich.
Mit meiner Firma zu sprechen und eine Lösung zu finden war ein wichtiger Schritt und ich bin froh, dass ich mich kooperativ gezeigt  und mit offenen Karten gespielt habe.

Ich habe gelernt, dass es auch ok ist für eine bestimmte Zeit Abstriche zu machen. Teilweise habe ich auf einer Matratze auf dem Wohnzimmerboden einer Freundin geschlafen, um das ständige Pendeln finanziell zu ermöglichen. Und das war völlig ok, weil ich ja wusste wofür ich das mache.
Und vor allem habe ich gelernt, dass mir das Tanzen einfach so viel gibt und ich es nicht missen möchte.

Was hast dir diese Erfahrung noch gebracht?
Ich habe erkannt, dass weitere Besitztümer anzuhäufen nur eine Ersatzdroge ist, die ich nicht brauche, wenn ich mache was mir wichtig ist.

Einen festen Job in meinem gelernten Bereich zu haben schließe ich nicht aus. Denn ich mag meinen Beruf an sich immer noch. Nur nicht in der Intensität und nicht, wenn ich dadurch meine Leidenschaft vernachlässige.

Ich habe also gelernt, dass finanzielle Sicherheit zwar wichtig ist, aber man sich unbedingt auch genug Zeit für die Dinge einräumen sollte für die man brennt. Auch wenn man dadurch finanzielle Abstriche macht.

Was würdest du anderen Frauen in ähnlicher Situation empfehlen?
Nicht aus dem Affekt heraus handeln, sondern in sich hinein horchen und sich seiner Optionen bewusst werden. Es gibt nicht den einen Lebensweg. Du darfst einen für dich definieren. Du muss nicht gleich große Veränderungen machen und  ins kalte Wasser springen. Teste Ideen zunächst ruhig im Rahmen deines Sicherheitsnetzes aus.

Wie hat dir die Arbeit mit mir auf deinem Weg geholfen?
Die Unterhaltungen mit dir haben mir sehr geholfen meinen Beruf, meine Wünsche und die Gestaltung meines Lebens aus unterschiedlichen Perspektiven zu sehen und auch ohne radikale Schritte Veränderungen herbeizuführen.
Ich schaue immer noch regelmäßig in die Notizen, die ich mir gemacht habe! Zum Beispiel ist mir der Satz „Clarity comes from action not from thinking“  in Erinnerung geblieben!
Ich danke dir wirklich sehr, dass du dir Zeit für mich genommen hast und so einfühlsam meine Situation mit mir ergründet hast.